
Am 21. März ist Welttag der Poesie. Weil Poesie mich schon viele Jahre in meinem Leben begleitet (gelesen und geschrieben) und bereichert, möchte ich hier ein paar Gedanken mit dir teilen, was Poesie ist oder sein kann und wofür wir sie – vielleicht gerade im 21. Jahrhundert – brauchen…
Ich weiß, dass Lyrik nicht gerade das populärste Genre ist… Viele haben aus ihrer Schulzeit schlechte Erinnerungen an Gedichte, denn meistens ging es um Reimschema, Versfuß und ähnliches, um stures Auswendig-Lernen und die Angst, beim Vortragen nicht mehr weiter zu wissen… Meiner Meinung nach kann Lyrik und die Poesie im Allgemeinen jedoch viel mehr… Das hat sie mir oft genug in meinem Leben bewiesen.
Wofür brauchen wir Poesie?
Ich glaube, dass die Poesie uns gerade im 21. Jahrhundert eine inspirierende und unterstützende Freundin sein kann.
Denn oft drehen sich Gedichte um existentielle Themen des Mensch-Seins, die wir alle kennen, weshalb sie das Potenzial haben, uns zu trösten oder zu ermutigen. Manchmal fühlen wir uns durch ein Gedicht gesehen oder durch eine Erfahrung, die es beschreibt, weniger allein, woraus ein Gefühl der Verbundenheit entstehen kann.
Ein Gedicht kann uns wieder daran erinnern, was wirklich wichtig ist oder was uns als Menschen ausmacht (inklusive der Fähigkeit zur Empathie), es kann uns helfen, den Fokus auf die kleinen Dinge zu lenken, innezuhalten und zu entschleunigen. Es kann uns helfen, uns mit unseren Gefühlen zu verbinden, es kann uns zum Träumen bringen und in Erinnerungen schwelgen lassen, kurz: unsere Fantasie anregen – oft eben weil es nicht alles sagt, weil es Leerstellen lässt, die wir selber füllen dürfen. Für mich ist gerade das ein großes Potenzial von Gedichten und nicht selten entstehen dadurch ganz eigene Bilder und Bedeutungen in uns.
Ein Gedicht kann Freiheit für die Fantasie und uns gleichzeitig Halt und Verbundenheit schenken.
Die Poesie öffnet Räume
Viele zeitgenössische Gedichte kommen mittlerweile sowieso ohne Reim aus und es geht eher um den Rhythmus, die Melodie eines Textes. Und für mich persönlich geht es auch darum, was ich fühle, wenn ich ein Gedicht lese oder höre und mich dafür öffne.
Ich muss ein Gedicht nicht immer „verstehen“, es geht vor allem darum, was das Gedicht in mir anregt und auslöst. Welcher Satz oder welches Wort berührt oder beschäftigt mich dabei besonders?
Ein Gedicht kann mir ein Spiegel sein, mir helfen, mich zu reflektieren, spielerisch, kreativ (darum gibt es z.B. auch Poesie-Therapie). Ein und dasselbe Gedicht können zu unterschiedlichen Zeiten in unserem Leben unterschiedlich gelesen und interpretiert werden.
Die Poetin und Workshop-Leiterin Holly Wren Spaulding sagt über Gedichte, sie seien: “incredible little spaces for beauty and reflection and questions and complexity”, also: „unglaubliche kleine Räume für Schönheit und Kontemplation, für Fragen und Vielschichtigkeit“.
So kompakt ein Gedicht oft sein mag, so viele Räume und Assoziationen kann es doch aufmachen, so viele Ebenen kann es haben. Wenn wir uns die Zeit nehmen, es zu entfalten, kann es ganze Welten eröffnen; nicht nur über unseren Intellekt, sondern auch über unsere Sinne.
Oder wie Federico García Lorca sagt:“A poet must be a professor of the five senses and must open doors among them.”
Poesie und die Sinne, das sinnliche Erleben der Welt stehen für mich in einer ganz engen Beziehung (darum denke ich auch, dass Embodiment und Poesie eine wunderbare, sich gegenseitig befruchtende Kombination sein kann).
Poesie als Haltung
Während Lyrik vor allem eine literarische Gattung oder das geschriebene Gedicht ist, ist die Poesie für mich etwas, das viel größer ist und wie ein feiner goldener Faden unser ganzes Leben durchziehen kann – wenn wir uns darauf einlassen.
Poesie ist für mich eine Haltung, eine Art, in der Welt zu sein, auf die Welt zu blicken und ihr zu begegnen.
Eine poetische Haltung lässt uns achtsamer, aufmerksamer durch die Welt gehen, lässt uns sensibler werden, schärft unsere Wahrnehmung und unsere Sinne, nährt unser sinnliches Erleben und unsere Lebendigkeit, hilft uns entschleunigen und mehr im Moment zu sein, lehrt uns Offenheit, Wertschätzung und Staunen.
Sie inspiriert uns, Dinge in Frage zu stellen, neu zu denken, zu komponieren, zu verwandeln, zu experimentieren, sie regt uns an zum Ausdruck unserer Selbst und unserer Gefühle, sie lehrt uns, dass wir uns Hineinfühlen und uns einlassen, in Dialog treten und unterschiedliche Perspektiven einnehmen.
Poesie schafft Raum für Intuition, für Impulse aus unserem Unterbewusstsein, für Fantasie und Kreativität.
Poesie braucht aber auch Raum: Raum, um zu beobachten – das, was in uns passiert, das, was um uns herum ist oder vorgeht.
Roland Barthes, sagte angeblich, Poesie sei “a practice of subtlety in a barbaric world”, „eine Übung in Feinfühligkeit in einer barbarischen Welt.“ (falls es jemand anderes gesagt hat, ist es immer noch ein sehr schönes Zitat)
Brauchen wir davon also nicht ein bisschen mehr…?
Poesie als Haltung vs. Lifestyle-Trend (bzw. „Poet Core“)
Zufällig habe ich vor Kurzem gelesen, dass 2026 einer der Pinterest-Trends „Poet Core“ sei. Ich persönlich habe mich oft eher gegen Trends „gewehrt“ und habe das, was gerade Trend war, umso vehementer abgelehnt (sonst hätte meine eher untrendige Liebe zur Poesie vielleicht nie so starke Wurzeln schlagen können… andererseits hat es mich auch die Vorzüge von Matcha erst sehr spät entdecken lassen… Trend-resistent zu sein hat seine Vor- und Nachteile). Poet Core musste ich dann doch recherchieren – auch in der Hoffnung, dass die Poesie davon profitieren könnte.
Leider ging es auf den meisten Seiten, die sich mit Poet Core beschäftigt haben, um (Life)Style, um Oberflächliches. Ich habe ganz und gar nichts gegen Mode als Selbst-Ausdruck, aber ich hätte mir dann doch gewünscht, dass es nicht nur darum geht, wie man eine gewisse Ästhetik nachahmt und bedient, sondern dass man diesen Trend kreativer nutzt und den Outfits vielleicht auch ein paar Bücher oder Gedicht-Empfehlungen an die Seite stellt… Den Trend nutzt, um die Welt der Poesie als solche neu und neugierig zu erkunden.
Wenn ich die Wahl habe zwischen Poet Core und Poesie als Haltung (während ich anziehe, worin ich mich gut und inspiriert fühle), dann wähle ich persönlich auf jeden Fall zweiteres und habe dazu lieber ein angefangenes Buch in der Tasche – oder zumindest auf meinem Wohnzimmertisch ; ) denn das kleidet ungemein!
Warum gibt es den Welttag der Poesie am 21. März?
Der Einfachheit halber zitiere ich hier einen sehr informativen Text dazu:
„Der UNESCO-Welttag der Poesie ist angelehnt an den Tag der Poesie, welchen Matthyas Jenny im Jahr 1979 initiiert hat, mit dem Gedanken, der Werbeflut etwas entgegenzustellen. Überall werden zu diesem Tag Gedichte in Umlauf gebracht. Das Ziel der Poesietage war und ist, Poesie auf die Strassen und unter die Leute zu bringen. Der Zugang zur Poesie soll niemandem versperrt sein.
Im Jahr 2000 rief dann die UNESCO den Welttag der Poesie ins Leben mit ähnlichen Zielen. Mit ihm soll die Bedeutung der Lyrik unterstrichen und herausgestellt werden und Poesie als friedensstiftendes, immaterielles Kulturgut gefeiert und verbreitet werden.
(…) Gedichte regen die Leserschaft zum Nachdenken an, in Bezug auf die Art und Weise, wie man in der Welt existiert. Lyrik schafft ein deutlicheres Bewusstsein von Alltäglichem, das in einem Gedicht von Selbstverständlichkeit befreit wird.„
(Artikel zum Welttag der Poesie, 2021)
„The lunatic, the lover and the poet / Are of imagination all compact.“
Last but not least, ein bisschen Shakespeare ; ) … „The lunatic, the lover and the poet / Are of imagination all compact“ – dieses Zitat aus Shakespeare´s „A Midsummer Night´s Dream“ habe ich auch meiner Künstlerpublikation THE BLUE BOOK (eine Auswahl meiner englischen Gedichte und Prints/Collagen) vorangestellt.
„Der Verrückte, der Liebende und der Dichter – sie alle sind voller Fantasie“. Ihre lebhafte Vorstellungskraft macht ihre Wahrnehmung und ihr Erleben speziell. Das Betrachten der Welt durch die Augen dieser drei Figuren kann ein umfassenderes, tieferes Verständnis des Lebens ermöglichen, neue Perspektiven darauf eröffnen, andere Dinge in den Blick nehmen…
Viele Poeten sind in meinen Augen auch Liebende (und manche vielleicht auch ein bisschen ver-rückter oder unkonventioneller als ihre Mitmenschen ; ) …). Und so manche Liebende werden zu Dichtern… (vielleicht ist dir das ja auch schon passiert)
Dabei kann uns nicht nur die Liebe zu einem anderen Menschen zu Poesie inspirieren, sondern genau so gut die Liebe zur Natur, zum Leben, zu einer speziellen Sache, die uns inspiriert oder beschäftigt oder die Liebe zur Sprache selbst.
Aus diesem Grund glaube ich, dass in jeder und jedem von uns das Potenzial für Poesie steckt und das Potenzial, Poet/in zu sein.
Wenn wir uns trauen, unsere Sinne und unser Herz ein bisschen mehr zu öffnen, dann öffnen wir uns auch für die Poesie in und um uns.
Und ich denke, das würde der Welt ganz gut tun.
(meine Künstlerpublikationen findest du übrigens hier, falls du neugierig bist)

Was ist Poesie für dich?
– und wann hast du zum letzten Mal ein Gedicht gelesen?
– Welches Gedicht (oder welche Zeile daraus) ist dir im Gedächtnis geblieben?
– Schreibst du auch selbst manchmal? Was bedeutet kreativer Ausdruck für dich?
Kostenloser Poetry-Circle in Graz zum Welttag der Poesie
Den Welttag der Poesie möchte ich mit einem kostenlosen Poetry-Circle für Frauen in Graz (8010, genaue Adresse via Email) feiern!
Bring ein Gedicht, das dich bewegt oder beschäftigt, um alles andere kümmere ich mich : ) (den Rahmen, Getränke + Snacks). Schreib mir, wenn du dabei sein willst. Verbindliche Anmeldungen bis Freitag, 20.3. unter info at chrischavenus punkt de
Keine Sorge, du musst weder Erfahrung mit Schreiben, noch mit Poesie haben. Offenheit und Neugierde genügen. Bei Fragen kontaktiere mich gerne.
P.S. Wenn du dich regelmäßig von meinen Gedanken, Reflexionsfragen, Erfahrungen und Tipps inspirieren lassen möchtest, dann melde dich gerne HIER zu meinem Museletter an.
Als Dankeschön erhältst du Zugang zum Download meines PDFs mit 12 Tipps für mehr Balance : )




